“Vom rheinischen Albtraum in den siebenbürgischen Wunsch(t)raum?” - ein Erasmus+-Projekt


Was bewegt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und anderswo ein neues Leben zu beginnen? Oft ist es die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, die sie dazu bringt, die Sicherheit des Vertrauten aufzugeben und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft zu machen. Was heute wie damals ein Wagnis ist, hat die Geschichte Europas über Jahrhunderte hinweg geprägt. Die Wanderungsbewegungen des Mittelalters, darunter die Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen, haben Regionen und Gesellschaften nachhaltig verändert. Doch welche Umstände veranlassten die Menschen damals, ihre Heimat zu verlassen, und was machte ein Leben in der Ferne für sie attraktiv?
Diesen Fragen gingen wir im Rahmen unseres Erasmus+-Projekts nach. Am Beispiel der mittelalterlichen Migration der Siebenbürger Sachsen wollten wir mithilfe des Push-Pull-Modells die Ursachen und Beweggründe historischer Wanderungsbewegungen untersuchen. Dabei ging es nicht nur darum, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch darum, aus ihr neue Perspektiven auf die Gegenwart und Zukunft zu gewinnen.
Getragen wurde das Projekt unter dem Namen “Vom rheinischen Albtraum in den siebenbürgischen Wunsch(t)raum?” von einer lebendigen deutschrumänischen Partnerschaft: Schülerinnen und Schüler der Alfred-Delp-Schule in Hargesheim und des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt arbeiteten im Rahmen von Erasmus+ eng zusammen. Bei insgesamt sechs geografisch-historischen Exkursionen in ausgewählten Regionen Deutschlands und Rumäniens gingen wir den Spuren der Auswanderer nach und versuchten, ihre Lebensbedingungen und Beweggründe Schritt für Schritt nachzuvollziehen.
An dieser Stelle möchten wir uns besonders bei Bernd Schumacher, Oberstufenleiter der Alfred-Delp-Schule in Hargesheim, und Monika Hay, Schulleiterin des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt, bedanken, die das Projekt maßgeblich initiiert und seine Umsetzung überhaupt erst für uns ermöglicht haben. Ebenso gilt unser Dank den Lehrkräften Christian Schmitz von der Alfred-Delp-Schule sowie Ieremia Marga, vom Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium, die das Projekt engagiert begleitet und unterstützt haben.
Die Spurensuche begann für uns im Westen Deutschlands, der Herkunftsregion der Auswanderer. Dort beschäftigten wir uns mit den Lebensbedingungen, die Menschen im Mittelalter dazu bewegen konnten, ihre Heimat zu verlassen. Ein wesentlicher Push-Faktor war die Überbevölkerung im Rheinland, insbesondere in landwirtschaftlich ungünstigen Räumen. Ungünstige Bodenverhältnisse, klimatische Bedingungen und Umweltkatastrophen erschwerten dort die landwirtschaftliche Versorgung und konnten die Lebensgrundlage vieler Menschen gefährden. Im Rahmen der deutschen Ostkolonisation und der Kreuzzüge ergaben sich zugleich Möglichkeiten, in östlichen Gebieten neue Siedlungen aufzubauen.Historische Quellen zum damaligen Alltag und klimageschichtliche Analysen vermittelten uns einen Eindruck von den Herausforderungen, mit denen die Bevölkerung konfrontiert war.
Um 1150 wanderten etwa 3.000 Familien, also ungefähr 15.000 Personen, aus. Dabei handelte es sich sowohl um abenteuerlustige Menschen, die neue Möglichkeiten suchten, als auch um Menschen, die aufgrund ihrer schwierigen Lebensbedingungen kaum eine andere Perspektive sahen. Später folgte eine weitere Auswanderungsbewegung in vergleichbarer Größenordnung. Auch vor Ort untersuchten wir die natürlichen Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Mithilfe von Bodenproben und deren genauer Analyse untersuchten wir die Qualität des Bodens, um die damaligen Erntebedingungen und die daraus resultierende Versorgungsproblematik besser zu verstehen.
Darüber hinaus lernten wir moderne Datierungsmethoden wie die Dendrochronologie kennen, mit deren Hilfe sich das Alter von Holz und damit auch das Alter historischer Bauwerke bestimmen lässt. Wir besuchten Städte im Rheinland, deren Entwicklung maßgeblich von der dort verbliebenen Bevölkerung getragen wurde. Angesichts des heutigen Wohlstands in dieser Region fällt es schwer, sich vorzustellen, wie grausam und bestimmend die Push-Faktoren damals waren – so stark, dass eine riesige Menge von Menschen alles aufgab, um ein neues Zuhause zu suchen.
Im zweiten Teil des Projekts richteten wir unseren Blick auf die andere Seite der Migration: die Pull-Faktoren. Sie bezeichnen jene Bedingungen, die einen Zielort besonders attraktiv machen und Menschen dazu bewegen können, sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Für die Siebenbürger Sachsen stellte sich daher die Frage, welche Perspektiven Siebenbürgen den Siedlern bot und weshalb sich die Region als neue Heimat anbot.
Dabei wurde uns deutlich, dass sich Push- und Pull-Faktoren nicht klar voneinander trennen lassen. Sowohl im Rheinland als auch in Siebenbürgen gab es Vor- und Nachteile, die je nach Lebenssituation unterschiedlich ins Gewicht fielen. So war das Rheinland nicht ausschließlich von schwierigen Lebensbedingungen geprägt, ebenso wie Siebenbürgen trotz neuer Möglichkeiten auch Herausforderungen mit sich brachte. Entscheidend war daher das Zusammenspiel der Bedingungen in beiden Regionen, die die Entscheidung zur Auswanderung beeinflussten. Einer der maßgeblichsten Faktoren waren die weitreichenden Privilegien und Rechte, die den Sachsen 1224 durch das Andreanum verliehen wurden. Detaillierte Einblicke erhielten wir durch einen Vortrag von Thomas Şindilariu, Unterstaatssekretär im Department für Interethnische Beziehungen und Mitkurator der Ausstellung „Andreanum 800“.
In den folgenden Tagen erkundeten wir auf verschiedenen Exkursionen die Geschichte und Geografie Siebenbürgens. Dabei lernten wir eine Region kennen, deren Vergangenheit von kultureller Vielfalt, aber auch von Konflikten und wiederkehrenden Angriffen geprägt war. Diese Einblicke führten uns vor Augen, dass die Pull-Faktoren des „Wunschraums“ Siebenbürgens nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass auch das Leben in der neuen Heimat mit erheblichen Herausforderungen verbunden war.
Die Geschichte des Zusammenlebens verschiedener Bevölkerungsgruppen – darunter Sachsen, Ungarn und Rumänen – verdeutlichte uns, wie vielschichtig die Entwicklung Siebenbürgens war und wie nachhaltig die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse die Region bis heute prägen. Ob im Handwerk, in der Bildung, in der Architektur oder im Handel – die Sachsen verstanden es, ein fremdes Land zu kultivieren und es Schritt für Schritt in eine echte Heimat zu verwandeln.
Die Beschäftigung mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen zeigte uns, dass Migration nicht nur die Lebenswege einzelner Menschen verändert, sondern auch langfristige Auswirkungen auf die Gesellschaften hat, die aus ihr hervorgehen. Dabei besaß die Auseinandersetzung mit der Migrationsbewegung der Siebenbürger Sachsen gerade angesichts der heutigen politischen Diskussionen über Migration eine besondere Aktualität. Migration wird in gegenwärtigen Debatten teilweise stark problematisiert und zum Gegenstand gesellschaftlicher Konflikte gemacht. Die historische Auseinandersetzung kann hier eine andere Perspektive eröffnen, indem sie verdeutlicht, dass Flucht, Auswanderung und Wanderungsbewegungen keineswegs moderne Phänomene sind, sondern seit jeher zur menschlichen und europäischen Geschichte gehören. Durch die Verbindung von historischer Auseinandersetzung und persönlichem Austausch wurde das Thema Migration sowohl aus einer historischen als auch aus einer gegenwartsbezogenen Perspektive betrachtet. Die Begegnungen boten dabei die Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen unmittelbar kennenzulernen und die historische Thematik in einen persönlichen Kontext einzuordnen.
Für uns hat das Projekt gezeigt, wie persönliche Begegnungen dazu beitragen können, Vorurteile abzubauen. Durch die Zusammenarbeit und das Miteinander, die von unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen geprägt waren, sind wir zu einzigartigen Ergebnissen gekommen und haben erkannt, was uns als Menschen trotz aller Unterschiede verbindet. Damit zeigt das Projekt, dass europäische Integration nicht nur auf politischer Ebene stattfindet, sondern auch durch direkte Begegnungen und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen persönlichen Perspektiven geprägt wird.
